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The Boring Company - Einfach genial oder vollkommen verrückt?

Aktualisiert: 12. Apr 2019



Fertiger Tunnel - Quelle: The Boring Company

Los Angeles hat sich in den vergangenen Jahren zur drittgrößten Start-up-Hochburg der USA gemausert. Zwischen angesagten Unternehmen wie Snapchat, Tinder oder Hulu sticht eines jedoch besonders hervor: ‚The Boring Company‘.

Die Firma mit dem doppeldeutigen Namen wurde vor knapp 2 Jahren von Silicon-Valley-Tycoon Elon Musk gegründet – aus Frust über die chaotische Verkehrslage in Los Angeles. The Boring Company hat sich auf die Fahne geschrieben, mehr Verkehr in Großstädten unter die Erde zu verlegen. Dazu sollen Elektroautos mit hoher Geschwindigkeit durch ein Netzwerk aus Tunneln geschossen werden.

Nun hat ‚The Boring Company‘ einen ersten 1,8 Kilometer langen Testtunnel in Los Angeles eröffnet – und Musk ist seither mit seiner tollkühnen Geschäftsidee in aller Munde. Wir nehmen diesen Artikel zum Anlass, um Antworten auf die dringlichsten Fragen rund um das außergewöhnliche Start-Up aus Los Angeles zu finden.



Wie weit ist 'The Boring Company‘?

Der erste Prototyp des Unternehmens verläuft unter den Straßen von Hawthorne in Kalifornien in einer Tiefe von etwa neun Metern. Der Tunnel ist als Machbarkeitsnachweis für das Konzept von Musk gedacht. Bei Testfahrten mit geladenen Pressevertretern im Dezember 2018 hat ein dafür umgerüstetes Tesla Model X bereits Geschwindigkeiten von 80 km/h erreicht. Das Fahrzeug hat dabei seinen eigenen Antrieb benutzt und wurde lediglich von seitlichen Stützrädern in der Spur gehalten. Das System funktioniert, auch wenn die Fahrten laut Presse etwas holprig waren. Um letztendlich die angepeilte Spitzengeschwindigkeit von 240 km/h zu erreichen, muss laut Musk unter anderem der Boden des Tunnels weiter geglättet werden.​



Was macht 'The Boring Company’ besonders?

Heutzutage ist der Tunnelbau noch eine extrem kostspielige Angelegenheit. Für eine Meile (entspricht 1,6 Kilometer) werden auf herkömmliche Bauart im Schnitt rund eine Milliarde US-Dollar fällig. Laut ‚The Boring Company‘ handelt es sich hierbei jedoch um eine Industrie , die sich in den vergangenen 50 Jahren kaum weiterentwickelt hat. Das wollen Musk und sein Team ändern und die Kosten um den Faktor 10 reduzieren. Dazu hat The Boring Company zwei Stellschrauben erkannt: Einerseits den Durchmesser des Tunnels und andererseits die Geschwindigkeit der Tunnel-Bohrmaschine.

Da im Tunnel von ‚The Boring Company‘ die Fahrzeuge auf Leitschienen in der Spur gehalten werden, kann der Tunneldurchmesser im Vergleich zu gewöhnlichen Tunneln um die Hälfte reduziert werden. Die Halbierung des Tunneldurchmessers führt wiederum zu einer Kostensenkung um das 3- bis 4-Fache. Gleichzeitig will ‚The Boring Company‘, die Leistung der Maschine um das 3-Fache erhöhen und den Bohrprozess automatisieren. Momentan gräbt eine herkömmliche Bohrmaschine 50% der Zeit und pausiert dann, um den Tunnel zu stabilisieren. ‚The Boring Company‘ möchte diesen Prozess anpassen, sodass die Maschine zeitgleich graben und stabilisieren kann.


Segmente der Bohrmaschine - Quelle: The Boring Company


Wie finanziert sich 'The Boring Company'?

Musk selbst ist aktuell der größte Kapitalgeber des Unternehmens und hat erst Anfang des Jahres frisches Kapital in Höhe von knapp 100 Millionen US-Dollar bereitgestellt. Daneben finanziert sich das Unternehmen über Merchandising-Artikel. Auf die Frage nach dem Finanzierungsmodell von ‚The Boring Company‘ antwortete Musk vor einiger Zeit halb scherzhaft, das „echte Geld“ komme vom Merchandising, wie er es aus dem Spielfilm ‚Spaceballs‘ gelernt habe. Momentan verkauft die Firma Baseball-Caps, Flammenwerfer und Feuerlöscher. Allein mit dem Verkauf der Flammwerfer - eine Anspielung auf ‚Spaceballs‘ - hat das Unternehmen einen Umsatz von rund 10 Millionen US-Dollar generiert. ​



Was geschieht mit der Erde?

Üblicherweise wird das ausgehobene Erdreich auf Deponien entsorgt. Das ist kostspielig, zeitaufwendig und umweltschädlich. The Boring Company möchte daher die Erde noch auf der Baustelle in widerverwendbare Bausteine recyceln, die im Prinzip wie lebensgroße LEGO-Steine aussehen und funktionieren. Die sogenannten ‚Boring Bricks‘ sollen anschließend verkauft werden, beispielsweise für einfache Bauprojekte. Auf diese Weise können die Kosten für den Bohrprozess weiter gesenkt werden.​



Was passiert bei Erdbeben?

Kalifornien ist bekannt für seine Erdbeben. Im Gegensatz zu Gebäuden an der Erdoberfläche bewegen sich Tunnel im Falle eines Erdbebens allerdings analog zu den tektonischen Platten. Das macht sie zu einem der sichersten Aufenthaltsorte während eines Erdbebens. Das ‚Northridge-Erdbeben‘ in Los Angeles aus dem Jahr 1994 bestätigte diese Theorie. Obwohl bei dem Beben der Stärke 6.7 ein Sachschaden von 20 Milliarden US-Dollar entstand, blieb das gesamte U-Bahn-Netz von Los Angeles unbeschädigt. ​



Gibt es Alternativen zum Tunnel?

Kreative Lösungen sind zwingend notwendig, um die anhaltenden Verkehrsprobleme in Megastädten zu lösen. In diesem Zusammenhang werden immer öfter Flugtaxis oder Drohnen erwähnt. Flugtaxis haben allerdings den Nachteil, dass sie wetterabhängig sind, Lärm verursachen und ein erhöhtes Sicherheitsrisiko darstellen. Tunnel auf der anderen Seite beinträchtigen das Stadtbild nur minimal und können beliebig erweitert werden. Das ist der Grund, weshalb Musk und sein Team unter die Erde und nicht in die Lüfte wollen.​



Was sagen die Kritiker?

Kritiker bemängeln in erster Linie, dass das Tunnelsystem nichts am eigentlichen Problem des hohen Verkehrsaufkommens in Metropolregionen ändern würde. In der Tat darf kritisiert werden, dass die Verlagerung des Verkehrs unter die Erde das eigentliche Problem nicht löst, sondern lediglich minimiert. Kritiker fordern vielmehr, dass die Effizienz einzelner Verkehrsmittel erhöht werden sollte. Alternativen, die auf Fahrradautobahnen, Car Sharing oder ein besseres öffentliches Verkehrsnetz setzen, werden in diesem Zusammenhang genannt.

Gleichzeitig wird die Kapazität des geplanten Tunnelsystems bemängelt. Zwar gibt ‚The Boring Company‘ die stündliche Kapazität eines Tunnels mit 4.000 Fahrzeugen an, einen Beweis über diese Annahme blieb Musk bislang allerdings schuldig. Das gleiche gilt für die Baukosten: Experten halten die Reduzierung der Kosten um den Faktor 10 für unrealistisch. Bislang hat sich ‚The Boring Company‘ jedoch nicht zu den angefallenen Kosten für den Testtunnel geäußert.



Wie geht es weiter?

Derzeit hat ‚The Boring Company‘ zwei Projekte geplant. In Los Angeles sollen Baseballfans von einer U-Bahn-Station rasch zum Stadion der Dodgers gebracht werden, und in Chicago könnte bald ein Tunnel die Innenstadt mit dem Flughafen O'Hare verbinden. Beide Projekte werden gerade auf ihre Umweltauswirkungen geprüft. Angesichts der kürzlich erfolgten Finanzspritze in Höhe von 100 Millionen US-Dollar sollte aber klar sein, dass sich ‚The Boring Company‘ von einer Schnapsidee zu einem ernsthaften Unternehmen entwickelt.​


Tesla Model X im Testbetrieb - Quelle: The Boring Company

Die Zukunft wird Antworten liefern!

Es wäre ein Leichtes, Musks Idee als reinen Werbegag für seine "Nanny" genannte Tunnel-Bohrmaschine abzutun. Autos, die autonom unter Los Angeles fahren, das kann nur eine nette Spielerei sein. Doch andererseits hat der Mann bereits behauptet, er wolle ein massenkompatibles Elektroauto bauen, eine neue Art und Weise entwickeln Strom zu speichern und eine wiederverwertbare Rakete ins All schicken. All das hat er in nur wenigen Jahren umgesetzt. Daher wollen wir die Idee nicht vorschnell als Absurdität abstempeln. Zum jetzigen Zeitpunkt kann lediglich gesagt werden, dass das wirklich Innovative nicht der Tunnel, sondern die Tunnel-Bohrmaschine ist: "Nanny" gräbt und verstärkt die Röhre zugleich. Ein bisher langwieriger und teurer Prozess. In welcher Form die Tunnel am Ende genutzt werden, das wird die Zukunft zeigen ...​



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