• Alex

Placell - Eine Plastikzelle für Klimaflüchtlinge



Dass viele Menschen vor Kriegen fliehen, ist spätestens seit Beginn der aktuellen Flüchtlingskrise bekannt. Dass mittlerweile aber eine weitaus größere Zahl an Menschen aufgrund kritischer klimatischer Bedingungen ihre Heimat verlassen muss, ist vergleichsweise unbekannt. In den kommenden Jahrzehnten wird sich diese Situation weiter dramatisch verschlechtern. Aufgrund des steigenden Meeresspiegels und den zunehmenden Überschwemmungen drohen ganze Landstriche dauerhaft in den Wassermassen zu versinken. In 50 Jahren werden daher schätzungsweise rund 250 Millionen Menschen aus einst dicht besiedelten Küstenstädten wie Miami, Tokio oder Singapur fliehen müssen.

Geht es nach einem Studententeam der Technischen Universität München, werden sie auf ihrer Flucht eines garantiert dabei haben: Das 'Placell', ein Zelt aus einer multifunktionalen Kunststoffmembran. Diese mobile Behausung soll den Klimaflüchtlingen auf ihrer Reise Schutz vor den äußeren klimatischen Gegebenheiten bieten. Doch wie funktioniert die zeltartige Konstruktion?

Das Placell besteht aus einer leichten, faltbaren Membran, die durch ein Rollendruckverfahren mit Polymerelektronik versehen wird. Mittels dieser Technik kann sich das Zelt in nur wenigen Sekunden selbsttätig auf- und abbauen. Durch Auslösen eines elektrischen Impulses dehnen sich im Inneren der Membran die Fasern der Polymermuskulatur aus. Eine Tragstruktur entsteht, die das Zelt zu einem stabilen Gebilde werden lässt.


Der Clou an der Sache? Die Membran kann aus recyceltem Kunststoffmüll hergestellt werden. Kunststoff wird in 50 Jahren aufgrund der Erdölknappheit eine wertvolle Ressource darstellen. Der heute noch linear ablaufende Produktionsprozess wird daher von einem geschlossenen Kreislauf abgelöst werden, in welchem die Materialien eines Produkts am Ende der Lebensdauer als Ressource in neue Produkte einfließen können. Dieser Prozess des sogenannten „upcycling“ wird bereits heute von vielen Unternehmen verwendet. Die Gestaltung des Placells folgt deshalb den Grundsätzen des ökologischen Designs und ist in einen geschlossenen Produktlebenszyklus eingebettet.

Bei der Gestaltung des Zeltes hat man sich von der japanischen Kunst des Faltens (Origami) inspirieren lassen. Sie erlaubt es, eine Tragstruktur zu generieren, die entlang ihrer Kanten auf ein kompaktes Volumen zusammengefaltet werden kann, wodurch hervorragende Transporteigenschaften geboten sind. Gleichzeitig ermöglicht eine Struktur auf der Unterseite des Bodens, die sich der japanischen Kunst des Schneidens (Kirigami) bedient, dass sich das Placell im Untergrund verankert und somit stets einen stabilen Stand bietet.

Das Faltmuster ergibt ein Zwölfeck im Grundriss. Die geometrische Form einer Halbkugel ermöglicht eine Minimierung der Oberfläche. Dadurch wird die Angriffsfläche für Sonneneinstrahlung und Kälte reduziert und dem Erhitzen beziehungsweise dem Auskühlen der Luft im Inneren entgegengewirkt. Auch die Höhendifferenz zwischen dem obersten und untersten Punkt der Faltung wird mit steigender Anzahl der Ecken im Grundriss geringer. Dies erlaubt wiederum eine maximale lichte Raumhöhe im Innenraum. Das Zwölfeck entspricht somit den Funktionsansprüchen des Zeltes in perfekter Weise. Das Placell ist für 2 Personen ausgelegt und bietet dank einer Breite von 2,80 Meter und einer Höhe von 1,40 Meter sogar noch Platz für Gepäck.​


Um Klimaflüchtlingen aus allen Teilen der Erde Schutz zu bieten, wurden drei Placell-Versionen konzipiert, die an die jeweiligen klimatischen Bedingungen einer Region angepasst sind. Eine Variante ist für die polare und subpolare Zone geeignet, eine andere für die gemäßigte Zone und eine dritte Ausführung für die subtropische bis tropische Klimazone.

Das mit Blick auf die Zukunft umgesetzte Studentenprojekt macht deutlich, wie dringend Maßnahmen für den weltweiten Klimaschutz sind. Selbst wenn sofort effektive Maßnahmen ergriffen werden würden, könnte das Ausmaß der Flüchtlingsströme nur noch begrenzt, nicht aber verhindert werden. Das Projekt zeigt also, dass Klimaschutz nicht nur Schutz für die Umwelt, sondern auch Schutz vor Vertreibung bedeutet.

Das Projekt wurde von den folgenden Studierenden erarbeitet:

Philipp Brodbeck, Susanne Dreyer, Laura Schütz & Mario Weisser

Vielen Dank für die Bereitstellung der Materialien!​

Die gesamte Serie "Die Welt im Jahr 2068" ist hier zu finden.


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