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Wie lange geht E-Scooter Sharing noch gut?


Ein E-Scooter von 'Tier' Im Einsatz (Symbolbild) - Quelle: Tier
Von Null auf Hundert: Die Unternehmensbewertungen explodieren

Alles begann im September 2017. Travis VanderZanden, ehemaliger Manager bei Lyft und Uber, gründete das Unternehmen Bird. Mit ein wenig Eigenkapital und zunächst lediglich $ 3 Million Seed Capital entwickelte er eine App, kaufte E-Scooter des Modells Xiaomi M365, stellte diese in Santa Monica zum Verleih auf, und löste damit einen weltweiten Boom aus.

Binnen eines Jahres samt einiger Finanzierungsrunden, die in Summe rund $ 550 Millionen in die Kasse spülten, erreichte Bird bereits eine Unternehmensbewertung von über $ 2 Milliarden! Damit zählte Bird zum ersten Startup, das binnen eines Jahres die Schallmauer von $ 1 Milliarde durchbrach und damit schneller als alle anderen Unternehmen bisher Unicorn-Status erreichte. Nur zum Vergleich: Airbnb brauchte drei Jahre, um mit $ 1 Milliarde bewertet zu werden, Uber sogar vier. Zum Beginn des Jahres 2019 holte sich Bird eine weitere Finanzspritze in Höhe von knapp $ 300 Millionen.


Alleine in den ersten 14 Monaten schaffte es Bird, sich in 120 Städten in den USA, Mexiko und Europa zu etablieren. Tendenz weiter stark steigend.


Das zweite Schwergewicht am Markt, Lime, hat ebenfalls einen beachtlichen Start hingelegt. Das von Investoren zur Verfügung gestellte Kapital beläuft sich bis jetzt auf rund $ 750 Millionen. Die Unternehmensbewertung liegt bei $ 2,4 Milliarden.


Der Markt ist hart umkämpft

Neben den beiden großen Unternehmen Bird und Lime drängen mittlerweile auch eine Vielzahl anderer Sharing Anbieter aus den USA auf den heiß umkämpften Markt: Jump (2018 für $ 200 Millionen von Uber erworben), Lyft oder Spin, das nun zu Ford gehört.


Dazu kommen auch noch Startups aus Europa, die den Heimatmarkt nicht kampflos den amerikanischen Giganten überlassen wollen. In Europa werden zwar kleinere Brötchen gebacken, VOI (Stockholm), Wind (Berlin), Circ (früher Flash, Berlin), Dott (Amsterdam), Tier (Berlin) und Movo (Madrid) haben im Jahr 2018 in Summe aber auch Finanzierungen von fast € 300 Millionen erhalten.


Letztlich hegen auch die Automobil-Hersteller Daimler, BMW und Volkswagen Überlegungen, ins E-Scooter Sharing Geschäft einzusteigen.


Rechnet sich das Geschäftsmodell überhaupt?

Wie das Geschäftsmodell des E-Scooter Sharings funktioniert ist hinlänglich bekannt. Ob dieses Modell jedoch auch profitabel ist, darüber scheiden sich die Geister. Die Verleiher selbst lassen sich nur ungern in die Karten blicken und argumentieren gerne mit ihren Margen, die zwischen 10% und 20% liegen sollen.


Analysen Dritter kommen dagegen zu einem anderen Ergebnis: E-Scooter sind momentan ein Riesen-Trend, es steckt daher viel Fantasie im Markt, wodurch es den Verleihern gelingt, immer wieder Kapital von ihren Investoren zu erhalten. Die bisher eingefahrenen Verluste lassen sich bis jetzt mit ihrem rasanten Wachstum argumentieren. Als Beispiel für eine Erfolgsstory wird dabei gerne Amazon herangezogen, das in den ersten Jahren seiner Expansion auch nicht in die schwarzen Zahlen kam. Warum soll es daher bei den E-Scooter Verleihern anders sein?


Sieht man sich die nackten Zahlen genauer an, fällt jedoch auf, dass das gesamte Geschäftsmodell an sich nur schwer nachhaltig sei kann:


Gegenüberstellung der Einnahmen und Ausgaben:

Die Nachrichtenplattform Quartz untersuchte in Louisville, Kentucky, zwischen August und November die Anzahl der Fahrten pro Tag, die Lebensdauer sowie die Ertragssituation von Bird E-Scootern. Zusammengefasst zeigte sich folgendes Bild:


Verwendung eines E-Scooters:

  • Ein E-Scooter machte im Durchschnitt 3,49 Fahrten pro Tag.

  • Eine Fahrt dauerte 18 Minuten.

  • Ein E-Scooter von Bird hatte im Schnitt eine Lebensdauer von 28,8 Tagen.


Einnahmen pro Fahrt und pro Tag:

  • Bird verlangt $ 1 für das Entsperren des Rollers sowie $ 0,15 pro Minute

  • Umgelegt auf die ermittelten 18 Minuten bedeutet dies Einnahmen von $ 3,70 pro Fahrt.

  • Bei 3,49 Fahrten pro Tag erwirtschaftet somit ein E-Scooter im Durchschnitt $ 12,91 pro Tag.

Kosten pro Fahrt und pro Tag:

  • Die Kosten belaufen sich auf $ 2,75 pro Fahrt.

  • Darin enthalten sind Kosten für das Aufladen, Reparaturen, Kreditkartenkosten, Costumer Support sowie Versicherung).


Ergebnis:

  • Zieht man von den $ 3,70 Einnahmen pro Fahrt die Kosten in Höhe von $ 2,75 ab, bleibt unterm Strich ein Plus von $ 0,95 pro Fahrt.

  • Bei 3,49 Fahrten pro Tag ergibt das einen Ertrag von $ 3,32 pro Scooter pro Tag.

  • Geht man nun davon aus, dass ein Bird-Scooter 28 Tage lang im Einsatz ist, erwirtschaftet ein Scooter $ 92,96 während seiner Lebensdauer. Kostet der E-Scooter im Einkauf $ 360,00 – was sehr optimistisch ist – ergibt sich pro E-Scooter ein Verlust von $267,04!

  • Im Juni 2018 erklärte Bird noch, seine E-Scooter für $ 550,00 einzukaufen und erst beabsichtig, die Anschaffungskosten auf $ 360,00 zu senken. Geht man weiterhin von $ 550,00 aus, beläuft sich der Verlust sogar auf $ 457,04.


Noch nicht berücksichtigt in dieser Rechnung sind allfällige Kosten, die an manche Stadt zu entrichten sind, wie etwa Lizenzzahlungen, Gebühren für jeden zugelassenen Scooter, Strafen, etc.


Natürlich könne die Zahlen auch variieren. Eines zeigt sich aber ganz klar: Gewinne lassen sich nur erzielen, wenn alles optimal läuft. Entscheidend für die Profitabilität der Verleiher ist insbesondere die Lebensdauer eines E-Scooters. Je länger ein E-Scooter einsetzbar bleibt, desto eher rechnet sich seine Anschaffung.


Entscheidend über Gewinn und Verlust ist die Lebensdauer der E-Scooter

Bird hat dieses Problem selbstverständlich auch bereits erkannt. Die zu Beginn angeschafften E-Scooter, wie der Xiaomi M365, waren vom Hersteller für den Privatgebrauch und nicht für eine intensive gewerbliche Nutzung konzipiert.


Aus diesem Grund hat Bird nun auch reagiert und nach dem eigenen Modell „Bird One“ bereits für den Herbst 2019 die Einführung eines noch leistungsfähigeren Modells, des „Bird Two“, angekündigt. Dieser soll über eine noch stärkere und weniger temperaturanfällige Batterie, bessere Reifen, über Schadensensoren sowie über eine Hacker-sichere Software verfügen, und er soll überhaupt wesentlich robuster sein.


Bird braucht im Herbst 2019 neuerlich eine Finanzspritze

Über die Kosten des neuen Modells ist bis jetzt noch nichts bekannt. Geht die Rechnung auf, schafft es Bird damit aber möglicherweise endlich in die Gewinnzone. Im ersten Quartal 2019 hat Bird zuletzt erneut $ 100 Millionen Verlust geschrieben. Zudem ist der Cash-Bestand trotz der erst Anfang 2019 erhaltenen Finanzspritze von $ 300 Millionen schon wieder auf $ 100 Millionen geschmolzen.


Angeblich versucht Bird in einer erneuten Finanzierungsrunde weitere $ 200 bis $300 Millionen von seinen Investoren zu erhalten. Fragt sich nur, ob sich die Kapitalgeber auch dieses Mal wieder überzeugen lassen und weiter Vertrauen in das Geschäftsmodell haben.


Werden die Verleiher die Preise anheben?

Im April 2019 hat Bird bereits damit begonnen, die Preise zu erhöhen. In Detroit hat das Unternehmen aus Kalifornien etwa den Preis pro Minute von früher 15 Cent auf 33 Cent angehoben. In Baltimore verteuerte sich eine Fahrminute auf 29 Cent. In Raleigh, North Carolina, verrechnet Bird neben 1 US-Dollar für das Freischalten noch zusätzlich 2 US-Dollar Transportgebühr. Ob das auch in Europa geplant ist, ist einstweilen noch ungewiss.

In einigen Städten, wie etwa in Barcelona, will Bird zudem ein neues Tarifmodell testen. Unter „Bird rental“ soll es dann möglich sein, einen E-Scooter monatlich für € 34,99 zu mieten.


Wie lange hält der Boom mit den Leih E-Scootern noch an?

Halten die E-Scooter Verleiher an ihrem bisherigen Geschäftsmodell fest, wird es schwierig, damit Geld zu verdienen. Auch wenn es über kurz oder lang vermutlich zu einer Marktbereinigung kommen wird und nur noch einige wenige Sharing Anbieter übrig bleiben, bleibt die Frage nach der Profitabilität.


Tony Ho, der CEO von E-Scooter Hersteller Segway-Ninebot brachte es erst kürzlich auf den Punkt: „Der E-Scooter Markt wird auch 2019 noch weiter stark wachsen. Es ist aber fragwürdig, ob das bisherige Geschäftsmodell der Sharing Startups wie Bird und Lime zukunftsfähig ist. In dem ganzen E-Scooter Krieg sind wahrscheinlich bisher wir die einzigen, die wirklich Geld verdienen.“


Dieser Artikel wurde uns bereitgestellt von Ernst Irndorfer-Bartnicki von www.e-scooter-kaufen.com.



Interesse geweckt?

Falls du mehr über die rechtliche Situation von E-Scootern in Deutschland und Österreich erfahren möchtest, empfehlen wir dir diesen Ratgeber.



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