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Bavaria One - Wie Bayern zum Silicon Valley der Raumfahrt werden will

Aktualisiert: 12. Apr 2019



Im Herbst des vergangenen Jahres sorgte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder für Gelächter, als er auf Twitter medienwirksam Bayerns Weltraumoffensive ‚Bavaria One’ präsentiert hat. Sofort wurde den Bayern Größenwahn vorgeworfen, Söder selbst von einem findigen Twitter-User gar als ‚Major Markus‘ verspottet. Wo aber kommt die teils heftige Ablehnung gegenüber den bayrischen Weltraumplänen her? Ist ‚Bavaria One’ tatsächlich eine Nummer zu abgehoben oder das Mindset der Deutschen einfach zu engstirnig für derart progressives Denken? Wir haben die Fakten zu ‚Bavaria One‘ einmal genauer angesehen und dabei Vielversprechendes entdeckt!


Was ist Bavaria One?

So viel steht fest: Bayern wird auf keinen Fall den nächsten Neil Armstrong zum Mond schicken. Im Grunde genommen ist das bayrische Raumfahrtprogramm auch gar kein richtiges Raumfahrtprogramm. Es ist vielmehr ein ziemlich irdisches Förderprogramm, vollgepackt mit vagen Versprechen, vielen Schlagwörtern und einigen guten Ideen. Die unmissverständliche Botschaft: Raumfahrt muss wieder eine Schlüsseltechnologie der Bayern werden! Deswegen sollen in den kommenden 4 Jahren mehr als 700 Millionen Euro aus der Staatskasse in ‚Bavaria One‘ fließen. Konkret sollen mit dem Geld zehn Projekte unterstützt werden - manche mehr und manche weniger vielversprechend.

Eine neue Fakultät für die TU München

Ein Großteil der Investitionen wird nicht im Himmel, sondern im oberbayerischen Boden landen. In Ottobrunn, einem Vorort südöstlich von München, soll in den kommenden Jahren die größte Raumfahrtfakultät Europas entstehen. Der bestehende Campus soll hierfür ausgebaut und die bereits existierenden Einrichtungen der TU München zu einem interdisziplinären Zentrum für Luftfahrt, Raumfahrt und Geodäsie zusammengelegt werden. Dazu will der Freistaat in den kommenden 5 Jahren je 30 Millionen Euro investieren. Alles in allem geht es um 55 Professuren und 2.000 Studenten. Dabei scheint der Standort für das Projekt prädestiniert zu sein. Schon heute befinden sich in unmittelbarer Nähe die Europa-Zentrale von Airbus und andere etablierte Raumfahrtunternehmen.

Diese Strategie ist durchaus nachvollziehbar! In den vergangenen Jahren ist die Raumfahrt kommerzieller geworden und zieht zunehmend private Investoren an. Inzwischen hat sich der Geschäftszweig ‚New Space‘ zu einem Riesenmarkt mit einem jährlichen Umsatz von 470 Milliarden Dollar weltweit entwickelt. Namenhafte Unternehmer wie Elon Musk, Richard Branson oder Jeff Bezos stehen an der Spitze einer völlig neuen Industrie. Doch sie alle brauchen Personal und neue Ideen. Deswegen soll ein weiterer Kernpunkt von Bavaria One die Förderung von Start-Ups sein.


Raketenstart in sieben Jahren

Eines dieser Start-Ups ist ‚Isar Aerospace‘. Die in Gilching ansässige Firma wurde erst im vergangenen Jahr von ehemaligen Studenten der Technischen Universität gegründet und hat sich auf die Fahne geschrieben, in drei Jahren marktfähige Raketen für kleinere bis mittlere Satelliten entwickelt zu haben. Dank ‚Bavaria One‘ hat das Start-Up bereits einen konkreten Auftrag: Wie kürzlich auf der Digitalkonferenz DLD angekündigt wurde, soll ‚Isar Aerospace‘ in sieben Jahren einen bayrischen Forschungssatelliten ins All schicken – das hat zuvor noch kein deutsches Unternehmen versucht!

Ein eigener Satellit im All würde Bayern dabei helfen, neue Satelliten-gestützte Anwendungen zu entwickeln, die beispielsweise in der Landwirtschaft oder dem Katastrophenschutz eingesetzt werden können. Auch diese Maßnahme erscheint sinnvoll. Immerhin gilt die Erdbeobachtung als boomender Markt, wie beispielsweise das kalifornische Start-up ‚Planet‘ beweist. Das Jungunternehmen ist auf dem besten Weg, mit einem Schwarm kleiner Satelliten die Erdbeobachtung zu revolutionieren. Da ist es nicht verkehrt, dass auch Bayern auf diesen Zug aufspringen möchte.


Eine eigene Hyperloop Teststrecke

Interessant ist, dass sich ‚Bavaria One‘ nicht ausschließlich mit der Raumfahrt befassen wird, sondern auch mit innovativen Mobilitätskonzepten. Konkret soll auf dem Campus in Ottobrunn eine 400-Meter lange Hyperloop-Teststrecke gebaut werden, in der Transportkapseln fast mit Schallgeschwindigkeit bewegt werden können. Schon seit geraumer Zeit arbeitet die Studentengruppe ‚WARR‘ der TU München an dieser Idee, die auf Überlegungen des Tesla-CEOs Elon Musk beruht. Mit 467 km/h hält das Münchner Studenten-Team sogar den aktuellen Weltrekord!

Da macht es Sinn, dass Bayern nun intensiver an dem Konzept forscht und seine Spitzenstellung weiter ausbauen will. Immerhin hat das Hyperloop-Konzept großes Potential, eine umweltfreundliche und effizientere Alternative zu bisherigen Transportsystemen zu werden. Pionierarbeit in diesem Bereich leistet unter anderem das amerikanische Unternehmen ‚Virgin Hyperloop One‘, das eigenen Angaben zufolge „sehr nah dran“ sei, den bisherigen Prototypen in ein reales Verkehrsmittel zu übersetzten. Die Firma hat unter anderem eine Genehmigung der indischen Regierung erhalten, eine rund 150 Kilometer lange Trasse von Mumbai nach Pune zu erbauen. ‚Bavaria One‘ liegt also mit seinen Hyperloop-Bemühungen im Trend der Zeit.


Der Warr Hyperloop bei seiner Premiere auf dem Gelände von SpaceX - Quelle: Warr Hyperloop Team

Heiße Luft oder Bayerns Zukunft?

Wie ist ‚Bavaria One‘ also einzuordnen? Zugegeben, der Name fällt für ein traditionelles Förderprogramm eine Nummer zu großspurig aus. Abgesehen davon stecken in der bayrischen Raumfahrtstrategie aber einige interessante Vorschläge, die schnellstmöglich in die Realität umgesetzt werden sollten.

Bayern hat bereits das Internet, das Smartphone und beinahe auch die Elektromobilität verschlafen. Das darf mit der Raumfahrt nicht schon wieder passieren, wo doch ‚New Space‘ bis 2040 einen jährlichen Umsatz in Höhe von einer Billion US-Dollar erwirtschaften soll. Momentan scheinen dafür aber eher amerikanische Unternehmen wie SpaceX, Blue Origin oder Virgin Galactic gerüstet. Das muss sich ändern!

Für die Luft- und Raumfahrt ist Bayern der ideale Standort. Die Technische Universität München gehört zu den wichtigsten Adressen in diesem Forschungsbereich. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen beherbergt die Kontrollzentren des europäischen ISS-Labors Columbus und des europäischen Navigationssystems Galileo. Und neben etablierten Unternehmen wie Airbus oder der Ariane Group siedeln sich im Raum München auch immer mehr vielversprechende Raumfahrt-Start-ups an. Alles in allem kann mit ‚Bavaria One‘ diese Stellung also weiter ausgebaut und Bayern zum bedeutendsten Raumfahrt-Standort in Europa entwickelt werden.

Angesichts dieses Potentials scheint die teils überzogene Kritik mehr als unangebracht. Vor allem das Argument, die 700 Millionen Euro statt für ‚Bavaria One‘ doch lieber für Pflegekräfte oder dringend benötigten Wohnraum einzusetzen, ist nur schwer nachvollziehbar. Immerhin ist Bayern mit einem Staatshaushalt von über 60 Milliarden Euro im Jahr in der dankbaren Position, Forschung nicht gegen Soziales abwägen zu müssen, sondern auch mehrere Projekte zur gleichen Zeit unterstützen zu können.

Es ist schon erstaunlich: Wenn Barack Obama über selbstfahrende Autos spricht, Justin Trudeau die Funktionsweise eines Quantencomputers erklärt oder Elon Musk seinen Tesla ins All schießt, dann werden sogar die größten Technikskeptiker hierzulande manchmal ganz wuschig. Sobald Bayern aber Geld in die Raumfahrt stecken möchte, echauffiert sich die Mehrheit, nur um sich ein paar Jahre später darüber aufzuregen, dass das neue Google wieder nicht aus Deutschland kommt...

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