• Alex

Zauberwatte - Eine Waffe gegen Ölkatastrophen

Aktualisiert: 7. Aug 2019



Erst kürzlich habe ich mir den Film „Deepwater Horizon“ mit Mark Walberg in der Hauptrolle angesehen. Der Streifen beschreibt die letzten Stunden der gleichnamigen Ölplattform, die im April 2017 explodierte und eine der größten Ölkatastrophen der Geschichte auslöste. Rund 800 Millionen Liter Öl haben in kürzester Zeit den Golf von Mexiko verunreinigt. Die Bilder von verendeten Seevögeln mit ölverschmiertem Gefieder und schwarz eingefärbten Küstengebieten gingen um die Welt.

Säuberungsmaßnahmen sind in solchen Fällen wegen hohem Wellengang und den speziellen Eigenschaften von Öl meist nur ein heißer Tropfen auf dem Stein. Eine zufällige Entdeckung könnte in Zukunft aber ein verbessertes Krisenmanagement ermöglichen. Die Rede ist von der „Zauberwatte“. Der korrekte Name des Produktes lautet „Pure“, doch das Aussehen des weißen Schwamms aus Wachs erinnert stark an Watte.


So sieht "Pure" aus - Quelle: Deurex

Die Geschichte des potentiellen Wundermittels beginnt mit einer Produktionspanne: Ein Mitarbeiter eines deutschen Chemieunternehmens hat bei der Produktion eines speziellen Wachses die Temperatur und den Druck falsch eingestellt. Am nächsten Morgen bot sich ein ungewöhnlicher Anblick. Die Produktionshalle war mit etwa 10 Tonnen einer seltsamen Substanz gefüllt. Da das Team rund um den Chemiker Ernst Krendlinger diese riesige Menge nicht einfach entsorgen wollte, begannen sie mit dem Stoff zu experimentieren. Dabei stellte sich heraus, dass das neue Material eine weltweit einzigartige Eigenschaft besitzt. Obwohl die Substanz wasserabweisend ist, kann sie Öl und andere Chemikalien aufnehmen. Dabei können 100 Kilo der Zauberwatte bis zu 600 Liter Öl aufsaugen. Zusätzlich bietet das Material auch einige ökologische Vorteile: Es ist umweltfreundlich, unlöslich in Wasser, witterungsbeständig und es schwimmt immer oben, auch wenn es vollgesogen ist


Die Zauberwatte im Einsatz - Quelle: Deurex

Ideale Voraussetzungen also, um die Reinigung von ölverschmutztem Wasser zu ermöglichen. Doch funktioniert die Zauberwatte auch in der Praxis? Die Umweltorganisation „One Earth – One Ocean“ (OEOO) wollte das herausfinden und hat Pure in Nigeria getestet. Das Nigerdelta wurde durch eine lang anhaltende Ölpest in den vergangenen 50 Jahren mit circa 2 Millionen Tonnen Rohöl verschmutzt. Experten zufolge würde eine vollständige Sanierung 25-30 Jahre in Anspruch nehmen. OEOO wollte sich damit nicht abfinden und hat es gemeinsam mit den dort lebenden Menschen und mithilfe von Pure geschafft, einen begrenzten Teil der verseuchten Gewässer zu reinigen.

Die Zauberwatte kann aber nicht nur in Krisensituationen nützlich sein. Im Herbst 2015 hat das Unternehmen hinter Pure ein Pilotprojekt gestartet, um die Umweltverschmutzung durch Windräder zu stoppen. Im Schnitt benötigt eine Anlage mit fünf Megawatt Leistung alleine für das Getriebe 1000 Liter Öl, hinzu kommen noch einmal bis zu 500 Liter für die Hydraulik. Ein Ring aus Pure, der sogenannte Oil Safety Collar, soll künftig verhindern, dass Öl aus den Windrädern austreten kann und in die Umwelt gelangt.

Interessant ist, dass es sich bei Pure um ein mehrfach verwendbares Produkt handelt. Nach dem Einsatz kann man die Zauberwatte zentrifugieren und sie auf diese Weise bis zu 4 mal recyceln. Um weitere Einsatzmöglichkeiten zu erforschen und den aktuellen Bedarf zu decken, werden schon heute rund 1.000 Tonnen pro Jahr produziert.

Im vergangenen Jahr wurde Pure sogar für den europäischen Erfinderpreis nominiert und konnte in der Kategorie „Kleine und mittelständische Unternehmen“ gewinnen. Dieser Erfolg und die zunehmende Bekanntheit dürften dafür sorgen, dass wir in Zukunft noch deutlich mehr von der wundersamen Zauberwatte hören. Aber hoffentlich nicht im Zusammenhang mit Umweltkatastrophen ...


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